Warum Schreiben im KI-Zeitalter Teamsport ist – und wie auch stille Typen auf Substack Netze knüpfen
Drei Communitys, fünf Hebel und ein ehrliches Logbuch aus acht Monaten Substack. Mit konkretem System.
Hey Simon, hier schreibt Kai Schächtele. […] Ich habe gestern einen Substack-Post von Dir gesehen und überlege, Deinen Newsletter gegen Geld zu abonnieren. Warum ich mich melde: Ich spreche gerade ein paar Menschen an, von denen ich glaube, dass sie gute Perspektiven und Gedanken dazu haben, wie [mein] Format aussehen kann, damit es auch wirklich Menschen erreicht. Wenn bei dem, was ich hier schreibe, etwas ins Schwingen kommt bei Dir – hast Du Lust, dass wir mal telefonieren?
Kai – Journalist, Moderator und Cultural Producer aus Berlin – schreibt mir das im vergangenen Oktober.
Seine Initiative ist die letzte in einer Reihe: Gastbeitrag bei Philipp Kroiss, Kennenlern-Calls mit Dominik Alexander Raff und Falco Aust, Empfehlungen von Sebastian Sylvester und Nina Klose. Allesamt geschätzte Kollegen. Und jedes Mal das gleiche Muster: Sie kommen auf mich zu. Ich nicht auf sie. Der Impuls ist da, aber der Widerstand größer.
Am nächsten Morgen schreibe ich über mein Zaudern eine Note. Eine der ersten Antworten kommt von Falco: „Wen willst du als Nächstes ansprechen?“ Eine Frage in genau der richtigen Größe.
Was ich seitdem gelernt habe, ist kein Networking-Lehrbuch. Eher das Gegenteil. Ein Betriebssystem für Schreibende, denen das Wort Networking Schauer den Rücken hinunterjagt – und die langsam begreifen: Einzelkämpfertum ist kein Stil. Es ist ein Risiko.
Was an seine Stelle tritt, steht in den nächsten Absätzen: Communitys, die Dich tragen, und die Mechaniken, mit denen Du sie auf Substack baust.
Davor ein kurzer Umweg über die Frage: Warum gerade jetzt?
Neu hier? Kurz zu mir:
Ich bin Simon. Als gelernter Ökonom und Wirtschaftsjournalist habe ich jahrelang analysiert, wie Märkte funktionieren. Jetzt wende ich dieses Wissen auf die Creator-Economy an und baue hier mein eigenes Medien-Startup. Ich nehme Dich mit auf diese Reise und zeige Dir, wie Du die Chance auf Substack nicht nur kreativ, sondern strategisch nutzt – vom reinen Schreiben zum tragfähigen Standbein, das sich nach Dir anfühlt.
Was im Wert steigt, wenn KI alles mit Mittelmaß flutet
Die nächsten zwanzig Jahre werden ungemütlich.
Über KI-bedingten Jobwegfall wird gerade viel geschrieben. Das meiste hält der Prüfung nicht stand. Ganze Berufe verschwinden nicht einfach über Nacht. Aber bei der kognitiven Routinearbeit kommt der Kipppunkt. Das weiß ich nicht aus zweiter Hand, sondern aus dem eigenen Schreibtischstuhl. In meiner Zeit als Wirtschaftsredakteur wurde mir klar, wohin die Reise geht: Ein Großteil der mechanischen Ausführung lässt sich schon heute auslagern, im Kern: das Sortieren von Daten, Standard-Analysen, reine Effizienzprotokolle.
Es sind die Disziplinen, auf die wir uns die letzten 250 Jahre konzentriert haben. Aufklärung, Industrialisierung, Wissenschaft, Management: ein langes Trainingsprogramm für die linke Gehirnhälfte. In Schulen gelehrt, in Karrieren belohnt. Es hat uns Wohlstand gebracht, Klarheit und den Mut, die Welt mit dem Verstand zu vermessen.
Aber es hat uns auch einseitig gemacht.
Das ist natürlich vereinfacht, eher ein Denkmodell als harte Neurowissenschaft. Der Fokus auf analytisches, systematisches Denken hat die andere Seite verkümmern lassen – und mit ihr das Fundament, auf dem Mitgefühl, Beziehung und Ethik wachsen. Der Schaden zeigt sich an vielen Stellen. In der Skrupellosigkeit des Finanzkapitalismus, der Quartalsgewinne über Menschen stellt. In einem Anführer der freien Welt, der lügt, einschüchtert, beleidigt – und dafür Wahlen gewinnt. Und am leisesten, aber nicht weniger schwer: in der Vereinsamung. In Japan geben rund 40 Prozent der jungen Männer an, kein Interesse mehr an Liebe oder Partnerschaft zu haben. Für mich ist das nicht abstrakt. Vor 17 Jahren saß ich als Student in einer Einzimmerwohnung in Bonn, die Rollläden halb unten, sechzehn Stunden am Tag am Bildschirm. YouTube in Endlosschleife, soziale Kontakte als Störungen im System.
Die Brücke zu heute ist kürzer, als mir lieb ist. Solopreneure, Creator, Menschen im Homeoffice: Der moderne Berufsalltag kann sich genauso anfühlen.
In dieses Ungleichgewicht trifft jetzt die Automatisierung.
Arbeitskraft günstig einkaufen, das Ergebnis teurer verkaufen. Auf dieser einfachen Spanne steht unsere Ökonomie. Wenn KI uns nun die geistige Routinearbeit abnimmt, klingt das zunächst nach einem Effizienz-Traum: Arbeit kostet viel weniger, das Ergebnis lässt sich weiter teuer verkaufen. Die Spanne müsste explodieren.
Sie kollabiert.
Was jeder auf Knopfdruck herstellen kann, wird zu digitalem Lärm, maschinell generiertes Mittelmaß ohne echte Substanz. Die Gefahr ist nicht, dass Maschinen uns restlos ersetzen. Berufe lösen sich nicht in Luft auf. Aber sie verändern ihre Gestalt. Wer bisher die mechanische Fleißarbeit selbst erledigte, wird sie künftig delegieren und kontrollieren. Jemand hat das einmal als eine Beförderung beschrieben, die wir Bürohengste alle gleichzeitig bekommen haben. Nur hat uns niemand auf die neue Rolle vorbereitet.
Und genau hier liegt die eigentliche Verwundbarkeit. Ja, wer die Maschine wirklich beherrscht, statt blindlings deren „Slop“ abzunicken, gewinnt einen Vorsprung. Dazu komme ich im nächsten Text. Doch was mindestens ebenso im Wert steigt, ist das, was keinen Algorithmus durchläuft: echte Verbindung, Präsenz, ehrliches Zuhören, geteiltes Lachen, das Spüren des Augenblicks. Das Problem: Unsere rechte Hirnhälfte ist nach Jahrzehnten der Vernachlässigung nicht bereit, diesen neu gewonnenen Raum sicher auszufüllen.
Das muss aber nicht das letzte Wort sein.
Wenn Du jetzt beginnst, den richtigen Muskel zu trainieren, hast Du Glück. Im passenden Fitnessstudio bist Du längst angemeldet.
Was Substack von anderen Plattformen trennt
Social Media war ursprünglich eine Verbindung von Nutzer zu Nutzer, mit echtem Echo und unabsehbaren Wendungen. Heute unterhalten einzelne Influencer eine große Masse von Konsumenten. Zuschauer statt Teilnehmer. Bühne statt Marktplatz.
Derek Thompson hat das in einem viel zitierten Beitrag auf den Punkt gebracht: Everything is Television. Jede Plattform, die groß genug wird, mutiert früher oder später zum Fernsehen. Endloser Feed, austauschbare Gesichter, Werbeblöcke dazwischen.
Substack, in seiner jetzigen Form, ist das alte Social Media, das alte Internet. Schreibende, die einander tatsächlich lesen. Kommentarspalten, in denen ganze Gespräche stattfinden. Empfehlungen, die nicht aus Algorithmen, sondern aus Vertrauen wachsen. Ohne zu romantisieren: Auch diese Plattform unterliegt den Regeln des Kapitalismus. Ihre Instagramisierung hat längst begonnen, und irgendwann wird auch Substack zur Mattscheibe mutieren. Aber das Fenster steht noch offen, vermutlich ein paar Jahre. Und selbst wenn es sich schließt: Die E-Mail-Liste gehört Dir. Ja, Du hast das hundertmal gehört. Aber wer es wirklich begriffen hat, schläft ruhiger: Du kannst Deine Leser jederzeit einpacken und zur nächsten Plattform mitnehmen, die Dir wieder ein paar Jahre verschafft.
Solange Substack seine 10 Prozent von Deinen Bezahl-Lesern bezieht und nicht von Werbekunden, ist die Plattform absichtlich so gebaut, dass Du allein scheiterst und gemeinsam wächst. Sie ist keine Arena für das Spiel der Effizienz, sondern ein Übungsraum für Right-Brain-Skills, unter ökonomischen Bedingungen.
Vielleicht denkst Du jetzt: „Na toll, Kontakte knüpfen ist nicht meine Stärke. Dann kann ich hier auch gleich aufhören zu lesen.“
Weit gefehlt. Als stilles Wasser hast Du sogar einen Wettbewerbsvorteil.
Wie Du als stiller Typ wachsen kannst
Vor rund 100 Jahren stand Dale Carnegie vor seinen Rhetorikschülern und schrieb seinen Bestseller How to Win Friends and Influence People. Seine Botschaft: Nicht Charakter, sondern Auftreten macht Karrieren. Seitdem verwechselt der Westen Lautstärke mit Kompetenz.
In vielen Ecken des Internets wird jedoch wieder das Gegenteil belohnt. Susan Cain hat in Still beschrieben, warum Online-Räume wie Substack die Heimat introvertierter Menschen sind: Sie sind asynchron, schriftlich, langsam, durchdacht. Eigenschaften, die wir kulturell als Networking-Defizit verbucht haben. Doch hier sind sie die Werkzeuge, mit denen Du langfristig gegen jeden Hot-Take-Verkäufer gewinnst. Cain bringt es in einem Satz auf den Punkt:
„Strong power beats you up, soft power wins you over.“
Bleibt die Frage, die jetzt jeder leise mitdenkt: Wie sieht das konkret aus, wenn Du ohne Megafon arbeitest und trotzdem wachsen willst?
Zwei Antworten kommen jetzt, und sie greifen ineinander.
Die erste ist menschlich: drei Netze, die Du um Dich spannst. Jedes mit einer eigenen Aufgabe, jedes in einer anderen Höhe gespannt. Ohne diese Netze fällst Du irgendwann durch. Mit ihnen trägst Du Dein Schreiben über Jahre, nicht Wochen.
Die zweite ist mechanisch: fünf Hebel, die Substack Dir bereits in die Hand gegeben hat. Die meisten lassen sie ungenutzt liegen oder bedienen sie falsch herum. Wer sie versteht, multipliziert die Wirkung jedes einzelnen Textes, ohne lauter zu werden.
Hier liest Du also zuerst, wohin Du willst. Gleich danach, womit Du dort hinkommst.
Drei Communitys, drei Aufgaben
Vor acht Monaten begann ich meine Substack-Reise im Dunkelkammer-Modus. Leerer Posteingang, verhallende Notes und um zwei Uhr nachts die Statistikseite aufrufen, als würde sich die Null dadurch ändern. Mein einziger Fan war meine Mutter, und selbst die hat nur geliked.
Heute trage ich ein Netz aus drei Communitys mit mir herum. Drei Säulen, die ich schon einmal beschrieben habe: Mentoren, die Dich ziehen. Peers, die Dich auf Augenhöhe challengen. Und Leute, die heute da stehen, wo Du vor einem Jahr standest.
Konkret sieht das bei mir so aus:
Zweihundert, die das gleiche Spiel spielen
Premium-Abos und Videokurse der großen internationalen Newsletter-Köpfe haben mir geholfen, die Plattformmechanik zu verstehen.
Aber dann habe ich die teuerste Investition und beste Entscheidung gemacht: einer englischsprachigen Community beitreten, weil es im DACH-Raum nichts Vergleichbares gab. Ihre drei Gründer, die unter der Marke Write • Build • Scale publizieren, geben mehrmals die Woche Gruppen-Coachings. Über 200 Mitglieder, alle mit demselben Ziel: durch Schreiben eine Kundschaft aufbauen. Für viele geht es um einen netten Nebenverdienst. Daneben Entrepreneure mit Millionen-Businesses. Alle im selben Call. Die Großen hören sich geduldig die Fragen blutiger Anfänger an. Warum? Weil das Mitdenken im fremden Problem den eigenen unternehmerischen Muskel stärker trainiert als jede gehörte Lösung.
Es war meine Eintrittskarte in einen Raum, in dem Ambition nicht peinlich ist.
Vier, die unangenehme Wahrheiten sagen
Die internationale Community ist Gold wert. Sie ersetzt aber nicht das Kleine.
Was mich wirklich trägt, ist eine Handvoll direkter Kontakten. Menschen, die wissen, woran ich gerade arbeite, was mir Angst macht und welcher Schritt als Nächstes ansteht. Jede Verbindung läuft anders, und genau das ist ihre Stärke.
Da ist Philipp Kroiss, ehemaliger Profi-Volleyballer, heute Mentalcoach. Mit ihm habe ich den engsten, regelmäßigsten Austausch. Wir sagen einander auch unangenehme Dinge und schieben uns, wenn einer ins Zaudern gerät.
Da ist Falco Aust, gelernter Jurist mit tiefem Wissen rund um Gründungen. Er hat meinem Businessplan ein Feedback gegeben, das ich in dieser Schärfe nirgendwo sonst bekommen hätte, und ich habe seine wichtigsten Entwürfe redigiert. Aktuell ist es ruhiger zwischen uns – aber das, was wir füreinander aufgebaut haben, hält.
Und dann ist da Kai Schächtele, der Right-Brain-Profi, der diesen Text überhaupt erst angestoßen hat. Seitdem reden wir regelmäßig über Content-Strategie, Tools und das kreative Chaos, das uns beiden vertraut ist.
Das Ensemble ist klein genug, dass jede Verbindung echt bleibt. Und verschieden genug, um die blinden Flecken abzudecken, die einer allein nie sieht.
Zwanzig, die mehr wollten als lesen
Im März habe ich mein Bezahl-Abo gelauncht. Zwanzig Menschen sind dabei. Wir treffen uns alle zwei Wochen live zum Call. Dazwischen läuft auf einem Discord-Server alles, was ein Community-Raum braucht: Vorstellungsrunden, in denen Leute sich gegenseitig die Augen öffnen. Ehrliche Zwischenstände, wenn es stockt. Zuspruch, wenn jemand den nächsten Schritt wagt. Und gefeierte Erfolge, wenn er gelingt.
Gleich im ersten Call: Eine Teilnehmerin, Ende fünfzig, 25 Jahre lang freiberufliche Texterin, erzählt, wie sie sich in den letzten sieben Jahren komplett neu ausgerichtet hat. Heute begleitet sie Frauen dabei, ihre innere Stimme wiederzufinden, in einer alten Yoga-Tradition, die weit über das Körperliche hinausgeht. Eine andere Teilnehmerin, die selbst gerade einen Rollenwechsel plant, meldet sich sofort: „Ich gehe da total in Resonanz mit dem, was du sagst.“ Am Ende des Calls sagt die Erste: „Ich habe Gänsehaut. Ich freue mich so, diese Gruppe kennenzulernen.“
Was ich auch nicht erwartet hatte: Diese Menschen zwingen mich stärker zum klaren Denken als alles andere. Wer einmal versucht hat, einer aufmerksamen Runde live eine Frage zu beantworten, weiß, was ich meine. Gleichzeitig ist jeder Call ein Sich-Zeigen, das mir schwerfällt und danach unheimlich gut tut.
Was diese Gruppe so reich macht: Lebenserfahrung, die ich in keinem Buch nachlesen kann. Berufswege, Brüche, Erkenntnisse, alles im selben Raum. Aus jedem Call nehme ich mehr mit, als ich gebe.
Wie die drei Kreise ineinandergreifen
Ohne die internationale Community hätte ich meine Ambition klein gehalten, weil niemand in meiner Nähe ähnlich dachte. Ohne die Handvoll enger Kontakte hätte ich an irgendeinem Dienstagabend aufgegeben. Und ohne die zwanzig Premium-Leser wüsste ich nicht, ob das, was ich weitergebe, außerhalb meines Kopfes funktioniert.
Mein Substack-Manifest von Ende November hat mich bei vielen Lesern aufs Radar gebracht. Was ich heute an Reichweite, Einkommen und Ruhe habe, verdanke ich aber nicht einem viralen Post.
Ich verdanke es einer Handvoll Menschen, die auf mich zugegangen sind.
Die fünf Hebel der Substack-Kollaboration
Substack hat Dir fünf Hebel in die Hand gegeben, um genau diese Verbindungen aufzubauen.
Streng genommen sind das Wachstumstools. Auf dem Papier geht es spröde um eines: die Zahl der Abonnenten zu erhöhen. In der Praxis geht es um Qualität. Darum, die richtigen Menschen zu finden, indem Du immer wieder den ersten Schritt machst.
Aus den meisten Kontakten wird nichts. Aus einigen wird genau das Netz, das Dich am Ende trägt.
1. Engagement – niedrigschwellig und reaktiv
Notes und Posts durchdacht kommentieren, nicht nur liken.
Wer mir einen Kommentar hinterlässt, der mich wirklich erreicht – ob herzlicher zugesprochen, differenziert mitgedacht oder konstruktiv kritisiert –, den belohne ich mit einem Follow. Grundsätzlich.
Ein Beispiel. Unter einer Note, in der ich LinkedIn mit Substack vergleiche, schreibt jemand: „Für mich ist LinkedIn inzwischen ein komplett absurdes Paralleluniversum, in dem ich zähneknirschend SKOs, Webinare und die neuesten unverständlichen Product Features feiere, weil ich am Ende des Monats mein Gehalt bekommen möchte.“ Ich kenne diese innere Zerreißprobe. Kein Like hätte das transportiert.
Solche Kommentare sind der Erstkontakt, aus dem auf Substack erstaunlich häufig etwas Größeres wächst.
2. Cross-Promotion – proaktiver, eigene Bühne
Wertschätzung öffentlich teilen: Im Grunde machst Du, was früher ein handgeschriebener Brief an die Redaktion war, nur schneller und sichtbarer. Drei Stufen, von leicht bis aufwendig:
Andere Schreibende in Posts und Notes taggen, wenn ihr Werk zum Thema passt. Taggen heißt: @-Zeichen plus Namen, die Person bekommt eine Benachrichtigung, ihr Profil wird sichtbar verlinkt.
Einen Restack mit Notiz absetzen, der den Gedanken weiterträgt.
Der Antwort-Post als ausführlichste Form: Du beziehst Dich auf den Text einer Kollegin, denkst öffentlich weiter, beide Publikationen profitieren.
Bedingung: Du hast wirklich etwas zu sagen und betreibst kein strategisches Name-Dropping größerer Kanäle. Man merkt den Unterschied. Immer.
3. Chat – der Wechsel auf den privaten Kanal
Aus Direktnachrichten (DM) werden längere Gespräche, Kollaborationen, manchmal Freundschaften.
Davor liegen aber meist schon ein paar Schritte: ein Kommentar, ein Tag, ein Restack, oder schlicht ein neues Abo. Was mich an DMs immer wieder überrascht: wie sehr sie mir die Augen öffnen. Du erfährst, woran Dein Gegenüber gerade arbeitet, welche Ziele dahinterstehen, und ob die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit beruht. Genau dort schlummern die ehrlichsten Paarungen: Viele wertschätzen leise, ohne Like, ohne Kommentar. Sichtbar wird das erst, wenn einer schreibt.
Während meines Premium-Launches schrieb ich 200 DMs an meine aktivsten Leser. Von Timo kam keine Bestellung zurück. Es kam ein Brief. Er lehnt freundlich ab: „Keine Chance, mich durch Initiative zum Kauf zu bewegen. 0%.“ Aber dann schreibt er weiter. Über Berufsethik, über das, was uns verbindet, obwohl wir grundverschieden sind. Sein Schlusssatz: „Mit ungezinkten Karten spielt man gern ein weiteres Mal.“ Die klarste Absage und eine der wärmsten Nachrichten, die ich bislang bekommen habe.
Beim Publikations-Chat hingegen habe ich mir bislang die Zähne ausgebissen. In meinem landeten KI-generierte Bildchen mit Bibelzitaten von jemandem, den ich am Ende blockieren musste. Dazu Leute, die sich in einen Betatest-Chat verirrten und dort fröhlich Fragen stellten, die mit dem Test nichts zu tun hatten.
Andere haben dort etwas zum Laufen gebracht. Bei mir ist es bislang eher ein digitaler Wartesaal, den die meisten ignorieren. Und die, die kommen, setzen sich auf den falschen Platz.
4. Recommendations – die logische Konsequenz einer Beziehung
Das einzige Wachstumssystem, das auch arbeitet, wenn Du schläfst: einmal eingerichtet, läuft Deine Empfehlung jedes Mal mit, wenn jemand bei Deinem Partner abonniert.
Genau deshalb ist die Versuchung groß, daraus einen Kuhhandel zu machen. Hundert Leute anschreiben, die Du noch nie gelesen hast, Eins-zu-eins-Tausch anbieten. Bei YouTube hieß das früher Sub4Sub. Falls Du Dich nicht erinnerst: Es hat auch dort nicht funktioniert. Abonniere und empfehle nur da, wo Du wirklich hinterstehst – wo Du viel gelesen hast, vermutlich kommentiert, vielleicht schon eine DM geschickt.
Eine Beobachtung hat mein Bild zuletzt verschoben: Philipp Kroiss empfiehlt von Anfang an genau eine Publikation: meine. Von seinen knapp 300 Abonnenten sind 100 auch bei mir gelandet. Das ist keine Quote, das ist ein Erdrutsch. Ich habe das erst Wochen später in meinen Statistiken entdeckt und dachte, da stimmt etwas nicht. Zur Einordnung: Philipps Publikation dreht sich um mentale Stärke im Leistungssport, meine um Schreiben und Selbstständigkeit. Die thematische Überschneidung ist minimal, die Konversion trotzdem enorm. Meine Hypothese: Eine einzelne Empfehlung hat sehr viel mehr Gewicht als zehn nebeneinander. Ich teste das gerade: Bis auf eine habe ich alle pausiert und rotiere jede Woche durch.
Wo Philipp ebenfalls ins Schwarze getroffen hat – und was die wenigsten nutzen: die zwei, drei eigenen Sätze, die Du zu jeder Empfehlung dazuschreiben kannst. Nicht die Beschreibung der Publikation übernehmen. Selbst formulieren, was sie lesenswert macht. Dort sitzt der Hebel im Hebel.
5. Gemeinsame Formate – höchster Aufwand, größte Tiefe
Hier produzierst Du nicht mehr über jemanden, sondern mit jemandem.
Ein gut platzierter Gastbeitrag kann Dir mehr Abos bringen als Wochen Solo-Posts. Du leihst Dir die Bühne eines anderen, und im besten Fall bleiben ein paar Zuschauer sitzen, wenn Du danach allein weiterspielst. Dazu gehören auch Interviews, geschrieben oder als Video. Beide Seiten teilen das Ergebnis, beide Bühnen wachsen mit.
Voraussetzung ist Passung – und die ist seltener beidseitig, als man denkt. Häufig passt das Thema des anderen zu Deinen Lesern, Deins aber nicht zu seinen. Dann lohnt sich der Aufwand nur einseitig. Wer das vorher ausspricht und ein Format vorschlägt, das die Asymmetrie ausgleicht, bringt beide Seiten auf ihre Kosten.
Und wenn die Passung trotzdem nicht trägt: höflich absagen. Ein klarer Korb gehört zur selben Haltung wie das selbstgewählte Ja. Ich habe das von beiden Seiten erlebt. Einer Schreibenden schlug ich einen gemeinsamen Live-Stream vor, doch Video sei nicht ihr Medium. Einem Podcaster bot ich mich als Gast an, sein Fokus liege derzeit jedoch auf Romanschreiben.
Die Ironie: Zwei Tage später lud mich eine Podcasterin in ihre Sendung ein, die ich nie angeschrieben hatte.
Wenn es weh tut, machst Du etwas richtig
Kai hat geschrieben. Philipp vorgeschlagen. Dominik angeklopft. Falco eingeladen. Sebastian gefragt. Nina empfohlen. Jedes Mal war jemand anderes der Mutigere.
Acht Monate, drei Communitys und fünf Hebel später hat sich daran weniger geändert, als ich zugeben will. Für stille Wasser wie mich ist die Bewegung nach außen weiterhin genau die Stelle, an der es weh tut.
Susan Cain hat dafür Bilder, die mir geholfen haben: Introvertierte Menschen sind nicht schwächer im Sozialen. Sie kompensieren, was sie im Direkten zurückhalten, durch Tiefe im Nachgang. In Substack-Sprache: Du schreibst selten, dafür gut. Du tippst keine fünfzig Kommentare am Tag, dafür drei, die wirklich wirken. Du schickst keine Massen-DM, dafür eine, die jemand drei Tage später noch im Kopf hat.
Außerdem darfst Du aus Deinem Charakter heraustreten – aber dosiert, und nur für Projekte, die Dir wirklich am Herzen liegen. Cain nennt das einen Free Trait: ein Verhalten gegen die eigene Natur, das man sich aus echter Überzeugung leistet. Was in Networking-Ratgebern fehlt: Danach musst Du Dich erholen. Wirklich. Bei mir heißt das: Handy auf Flugmodus, Decke über den Kopf, und mindestens eine Stunde so tun, als gäbe es kein Internet. Ohne diesen Rückzugsraum verschleißt mich mein Social-Sein.
Wenn Du das übst, übst Du gleichzeitig etwas, das größer ist als Substack.
Ich habe für mich drei Felder identifiziert, in denen ich all-in gehe: tiefe Beziehungen, KI-Kompetenz, Selbstständigkeit. Ob das die Währungen der nächsten 20 Jahre sind, weiß ich nicht. Aber es ist die Wette, die ich mit meiner Zeit eingehe. Dieser Artikel hat den ersten Part behandelt. Nächste Woche bekommst Du den Praxis-Guide dazu. Schritt für Schritt durch die fünf Hebel, mit den konkreten Systemen und Vorlagen, mit denen ich selbst arbeite. Reinschnuppern kann jeder. Der harte Kern steht für die offen, die mit mir an der Werkbank stehen.
Danach folgt die zweite Währung: KI-Kompetenz. Nicht als Hype, nicht als Slop, sondern als Sparringspartner für Dein eigenes Denken. Die paradoxe Pointe vorab: Ausgerechnet das Left-Brain-Werkzeug, das Schreibende gerade in eine Existenzkrise stürzt, kann zum Türöffner für genau die menschlichen Qualitäten werden, die jetzt im Wert steigen.
Die dritte Währung folgt darauf: Selbstständigkeit. Der folgende Satz klingt zu schlicht, um wahr zu sein, und ist es trotzdem: Das kann ich mir beibringen.
Bis dahin: Schreib eine DM oder Empfehlung, die Du seit Wochen vor Dir herschiebst. Falcos Frage gilt auch für Dich: Wen willst Du als Nächstes ansprechen? Nicht perfekt. Nicht strategisch. Ehrlich.
Drei Tage später wirst Du sehen, was passiert.



Dein Text kommt bei mir in einem interessanten Moment an.
Ich sitze gerade an einer Note, die weniger meine Inhalte zeigt als meinen Denkprozess.
Dabei fällt mir auf, dass ich als Introvertierte ein Problem habe:
Eine solche Note ist echt und unecht zugleich.
Echt, weil sie ehrlich etwas über mich sagt.
Unecht, weil es mir eigentlich nicht entspricht, über mich zu sprechen.
Das gleiche Problem habe ich mit DMs. Der Wunsch nach Austausch ist echt, die Art ihn zu forcieren, fühlt sich fremd an.
Ich bin noch relativ neu auf Substack und muss sagen, dass mich dein Text und Profil sehr angesprochen haben. Ich studiere selbst VWL und versuche hier ebenfalls, meinen Gedanken einen Platz zu geben. Gerade wenn man neu auf der Plattform unterwegs ist und die deutsche Community noch etwas unübersichtlich wirkt, fand ich deinen Text sehr interessant. Bin gespannt auf den nächsten Teil.